Faktencheck statt Bürgerbeteiligung?
Die Veröffentlichung zur Tiefengeothermie im Amtsblatt vom 19. Juni 2026 sollte offenbar Klarheit schaffen. Das Amtsblatt wurde vom Ortsbürgermeister Ralf Marohn genutzt für einen weiteren Versuch, Fragen rund um das geplante Tiefengeothermieprojekt in Neuhofen zu beantworten und Sorgen zu entkräften.
Nach der Lektüre stellt sich jedoch die Frage:
Warum werden auf der Seite nahezu ausschließlich Auffassungen präsentiert, die FÜR das Projekt sprechen, wenn es sich um einen Faktencheck handeln soll?
Ein Faktencheck lebt von der Prüfung unterschiedlicher Positionen. Er zeigt, wo Aussagen gut belegt sind, wo Unsicherheiten bestehen und wo Fachleute zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.
Auf der veröffentlichten Seite entsteht dagegen der Eindruck, dass die wesentlichen Fragen bereits geklärt seien und die Diskussion im Grunde abgeschlossen werden könne. Genau dieser Eindruck steht jedoch im Widerspruch zu den zahlreichen offenen Punkten, die seit Monaten öffentlich diskutiert werden.
Gerade dieser Umstand macht viele Bürger bis heute nachdenklich. Denn die Diskussion um die Tiefengeothermie begann nicht erst mit den aktuellen Veröffentlichungen. Seit Monaten wird im Ort intensiv über das Vorhaben diskutiert.
Dabei haben drei erfolgreiche Unterschriftensammlungen für drei verschiedene Bürgerbegehren gezeigt, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung den Wunsch hat, bei einer so weitreichenden Entscheidung unmittelbar eingebunden zu werden.
Ein einstimmiger Beschluss des Gemeinderates bedeutet deshalb nicht automatisch, dass auch im Ort Einigkeit besteht. Umso wichtiger wäre es gewesen, offene Fragen frühzeitig und transparent mit den Bürgerinnen und Bürgern zu diskutieren.
Denn bei einem Projekt dieser Größenordnung erwarten die Menschen mehr als beruhigende Aussagen. Sie möchten verstehen, worauf bestimmte Behauptungen beruhen. Sie möchten wissen, welche Chancen bestehen, aber auch, welche Gefährdungen diskutiert werden. Sie möchten nachvollziehen können, welche Daten bereits vorliegen und welche Erkenntnisse erst in Zukunft gewonnen werden sollen.
Wer die beiden Seiten aufmerksam liest, wird feststellen, dass im Amtsblatt vor allem Auffassungen präsentiert werden. Was jedoch weitgehend fehlt, sind die offenen Fragen, die viele Bürgerinnen und Bürger seit Monaten beschäftigen.
Wie belastbar sind die wirtschaftlichen Annahmen tatsächlich?
Welche Erkenntnisse liegen bereits heute vor – und welche sollen erst durch spätere Untersuchungen gewonnen werden?
Welche Erfahrungen aus anderen Tiefengeothermieprojekten wurden berücksichtigt?
Welche Risiken werden von Fachleuten unterschiedlich bewertet?
Und welche Fragen sind zum heutigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beantwortbar?
Gerade vor diesem Hintergrund wirft auch die Beteiligung am Forschungsprojekt agEnS Fragen auf. Ziel eines Forschungsprojektes ist es, neue Erkenntnisse zu gewinnen und bestehende Wissenslücken zu schließen.
Wenn jedoch gleichzeitig der Eindruck vermittelt wird, die entscheidenden Fragen rund um das Vorhaben seien bereits geklärt, entsteht ein Widerspruch: Was genau soll dann noch erforscht werden?
Aus Sicht vieler Bürger liegt die eigentliche Frage deshalb nicht darin, ob geforscht wird. Forschung ist grundsätzlich sinnvoll. Die Frage lautet vielmehr, welche wesentlichen Erkenntnisse heute bereits belastbar vorliegen – und welche erst in Zukunft durch weitere Untersuchungen gewonnen werden sollen.
Gerade diese Unterscheidung kommt in der öffentlichen Darstellung bislang zu kurz.
Dabei wäre gerade dies die Aufgabe eines echten Faktenchecks: nicht nur Aussagen zu präsentieren, sondern auch die Grenzen des heutigen Wissens aufzuzeigen.
Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Vorgang, der auf der Amtsblattseite überhaupt nicht erwähnt wird. Bereits Anfang Juni richtete die Bürgerinitiative einen offenen Brief an den Ortsbürgermeister, den Gemeinderat und die Projektverantwortlichen. Darin wurden konkrete Fragen zu technischen, wirtschaftlichen und sicherheitsrelevanten Aspekten des Projekts gestellt.
Die Hoffnung war einfach: Wenn die entscheidenden Fragen beantwortet werden, können Unsicherheiten abgebaut und die Diskussion versachlicht werden. Stattdessen entstand aus Sicht der Bürgerinitiative ein anderes Bild. Mehrere Fragen wurden nach Auffassung der Verfasser nicht konkret beantwortet oder lediglich allgemein behandelt. Deshalb sah sich die Bürgerinitiative veranlasst, wenige Tage später erneut nachzufragen.
Gerade vor diesem Hintergrund überrascht die aktuelle Darstellung im Amtsblatt. Denn viele der Diskussionen, Informationsveranstaltungen, Unterschriftensammlungen und öffentlichen Stellungnahmen der vergangenen Monate sind überhaupt erst entstanden, weil zahlreiche Bürger das Bedürfnis hatten, offene Fragen selbst zu prüfen und zu hinterfragen.
Dies sollte nicht als Störung einer Debatte verstanden werden, sondern als Ausdruck eines legitimen Interesses an Mitsprache und Transparenz.
Gerade dieser Vorgang zeigt, dass die Diskussion keineswegs abgeschlossen ist.
Denn wenn wesentliche Fragen bereits beantwortet wären, warum müssen dieselben Fragen erneut gestellt werden? Wenn die entscheidenden Daten bereits vorliegen, weshalb wird bei zentralen Themen auf Untersuchungen und Studien verwiesen, deren Ergebnisse erst künftig erwartet werden? Und wenn die Öffentlichkeit bereits umfassend informiert ist, weshalb beschäftigen dieselben Fragen weiterhin so viele Menschen?
Niemand erwartet, dass bei einem technisch anspruchsvollen Großprojekt bereits heute jede Einzelheit feststeht.
Aber viele Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht, dass offen kommuniziert wird, was bekannt ist, was noch untersucht wird und wo unterschiedliche Bewertungen existieren.
Offene Fragen verschwinden nicht dadurch, dass man sie für beantwortet erklärt. Fakten werden nicht dadurch stärker, dass man sie wiederholt. Sie werden stärker, wenn sie kritischen Fragen standhalten.
Wer von den Vorteilen eines Projekts überzeugt ist, sollte kein Problem damit haben, kritische Fragen vollständig, nachvollziehbar und öffentlich zu beantworten.
Gerade deshalb halten wir eine offene und sachliche Diskussion weiterhin für notwendig.
Denn am Ende geht es nicht um Gewinner und Verlierer einer Debatte.
Es geht um eine Entscheidung, deren Folgen unsere Gemeinde über viele Jahrzehnte begleiten werden.
Und gerade deshalb verdienen die Bürgerinnen und Bürger mehr als vorgefertigte Antworten.
Sie verdienen vollständige Informationen!
